Adrale
Adrale starrte auf die Eisenbahn, auf dieses schwarze, riesige Ding, das schnaufte wie ein Tier und pfeifend Dampf ausstieß, der die ganze Bahnhofshalle einhüllte. Nervös zupfte sie an den Knöpfen ihres blauen Reisemantels. Zwei Pagen verluden ihr Gepäck, hinter ihr stand ihre Familie. Sie drehte sich um. Ihre kleine Schwester und ihr kleiner Bruder kicherten über etwas und schienen bemüht, ruhig stehenzubleiben, nur die strengen Blicke ihrer Mutter sorgten dafür, dass sie nicht durch die gesamte Halle herumrannten, kreischten und alles in den Augenschein nahmen. Außer ihnen befand sich niemand im Bahnhof, dieser Zug beförderte nur sie. Ihr Vater, Fürst Derease, lächelte und trat vor. „Ich bin sicher, du wirst sehr glücklich in einem neuen Zuhause.“ Adrale nickte nur, ihr Hals schnürte sich zu allein beim Gedanken daran. Und sie wollte nicht schon wieder weinen, das hatte sie in den letzten Wochen oft genug getan und es hatte ihren Vater nicht umgestimmt. Das Schloss des Königs. Ihr schauderte. Es bestand aus unzähligen Zimmern und Stockwerken, in denen so viele Menschen wohnten, dass es fast schon als eigene Stadt gelten konnte. Und es lag so weit weg von ihrem Zuhause, ganz an der südlichen Küste. Viele der adligen Familien schickten ihre Söhne und Töchter im heiratsfähigen Alter zum Schoss. Nichts Ungewöhnliches und eigentlich wusste Adrale schon seit Langem, dass auch ihr dieser Umzug eines Tages blühte. Früher, als Kind, hatte ihr diese Aussicht freudiges Herzklopfen beschert, jetzt bereitete es ihr nur ein mulmiges Gefühl im Bauch. Was, wenn es wieder geschah? Wenn sie wieder diese Dinge sah? Niemand glaubte es ihr, nicht einmal ihre eigenen Eltern, und sie weigerten sich, sie zu einem Arzt zu bringen. Aber Adrale wusste, dass ein Fluch auf ihr lastete. Warum sonst konnte sie so viel aus dem Inneren eines anderen Menschen sehen und dafür genügte nur eine flüchtige Berührung? „Also gut, es ist Zeit“, sagte der Fürst. „Nun fahre los.“ Er nahm sie in den Arm. Adrale schloss die Augen und lehnte sich gegen seine Brust, roch sein süßliches Parfum und das Leder seines Mantels. Warum nur musste sie fahren? Sie konnte noch nicht heiraten, noch nicht jetzt. Ihr Vater ließ von ihr ab und ihre Mutter stürmte auf sie zu. Schluchzend umschloss sie Adrale. „Du wirst doch schreiben, wenn du angekommen bist? Du wirst uns doch regelmäßig schreiben?“ „Ja“, murmelte Adrale und drückte eine Träne weg. „Versprochen.“ Behutsam löste sich ihre Mutter von ihr und trat zurück, an die Seite ihres Ehemannes. „Nun komm, mein Kind“, sagte Fräulein Berda und nahm Adrale sanft am Arm. „Lass uns gehen.“ Nur widerwillig wandte sie sich um und folgte ihrer Anstandsdame, die sie auf der Reise begleitete. Immer wieder drehte sie sich um und winkte. Ihre Familie winkte zurück. Sie stand schon fast auf der Treppe zum Wagon, als ihre Schwester ihre Röcke zusammenraffte und auf sie zu rannte. Adrale umarmte sie fest. „Du wirst mir fehlen“, murmelte sie in ihr blondes Haar. „Du mir auch“, flüsterte Geraja. „Ich sag Mutter, dass wir dich so schnell wie möglich besuchen kommen.“ Sie grinste leicht. „Dann kannst du mir all die tollen Ecken im Schloss zeigen, die du bis dahin gefunden hast und wir spielen Verstecken.“ Adrale nickte lächelnd. Ihr kamen schon wieder die Tränen. Hastig wandte sie sich um. Ein Diener nahm ihre Hand und half ihr die drei Stufen in den Wagon hinauf. In der Tür drehte sie sich ein letztes Mal um. „Auf Wiedersehen!“