Der Erste
Sieben Jahre zuvor ...
Er durfte sie nicht mögen, das gab nur Probleme. Trotzdem machte sein Herz einen Satz, als sie die Stufen herunterkam. In der einen Hand hielt sie einen Korb mit Äpfeln, mit der anderen Hand strich sie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Sie lächelte. „Hallo, Donnie.“ Im Vorbeigehen wuschelte sie ihm über das Haar. Es bescherte ihn ein Kribbeln. Er wollte etwas sagen, aber im fiel nichts ein, bis auf ein: „Hallo.“ Summend stellte Amanda den Korb auf den Küchentresen, nahm ein Messer zur Hand und schnippelte die Äpfel klein. „Starr sie nicht so an. Das gefällt ihrem Vater nicht und das weißt du.“ Tom beugte sich über den Tisch und warf Donnie einen strafenden Blick zu. Dieser verdrehte die Augen. Der Kerl hing ständig in dieser Küche herum, als wohnte er hier. Jedes Mal, wenn Donnie ihn sah, ging Tom ihn auf den Geist. Er war ein Abhängiger, einer von der harten Sorte. Anstatt die Beeren einzunehmen, wie es sich gehörte, spritzte er sich den Wirkstoff regelmäßig direkt in die Adern. Genau so sah er auch aus. Donnie schätzte ihn auf Ende zwanzig, Anfang dreißig, doch seine Haut wirkte knittrig und fahl wie die eines alten Mannes. Sein Blick schien gleichermaßen fokussiert wie weggetreten und seine Augen lagen in tiefen Schatten. Donnie wusste nicht, wo er herkam. Seiner verlumpten Kleidung nach zu urteilen, schlief er auf den Straßen der Unterstadt. Amanda drehte sich zu ihnen um und grinste. Kleine Grübchen bildeten sich auf ihrer Wange. „Ist es so spannend, was ich tue? Das wird Apfelmus für meine Großmutter. Wenn was übrigbleibt, könnt ihr auch was haben.“ Ihre hellen Augen blitzten in der Vormittagssonne, die durch das kaputte Fenster schien. Donnie fühlte sich wie hypnotisiert von ihr. „Gern“, brachte er hervor. Hitze stieg ihm ins Gesicht. Er wandte sich ab und versteckte sich vor seinen viel zu langen, dunklen Strähnen. Trotzdem sah er Amanda schmunzeln. Sie drehte sich wieder um. Donnie atmete tief durch. Er spürte Toms Blick auf der Haut. Der Mann musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Wie alt bist du eigentlich? Zwölf?“ „Fast Fünfzehn!“ „Wie auch immer. Du bist noch zu jung dafür. Glaub mir, Weiber machen nur Probleme.“ „Halt einfach dein Maul, Tom!“ „Was?“ Drohend beugte der Mann sich über den Tisch. Donnie verfluchte sein loses Mundwerk. Hier unten hatten ihm schon mal eine Bande Straßenkinder eine Tracht Prügel erteilt, weil er ihnen nicht rechtzeitig aus dem Weg gegangen war. Tom lehnte sich langsam wieder an seine Stuhllehne. „Pass auf, wie du mit mir redest! Da, wo du herkommst, kannst du vielleicht so sprechen, aber hier gelten andere Gesetze. Bist ein reicher Schnösel, hab ich recht? Wahrscheinlich hat deine Familie Hausangestellte, die kuschen, wenn du nur mit dem Finger schnippst. Aber hier nicht, mein Freund, hier nicht!“ Donnie biss die Zähne zusammen. Am liebsten wollte er diesem Kerl das Maul stopfen, doch er zügelte sich. Er musste ihn nicht mehr lange aushalten. Tom grinste hämisch. Schweigend tippte Donnie mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte und betrachtete Amandas Rücken. Ihr langer, geflochtener Zopf reichte bis zu ihrer Taille. Sie trug ein graues Kleid, das am Rückenausschnitt und an den Ärmeln zerfranst war. Nächstes Mal würde er ihr Geld geben, damit sie sich etwas Hübscheres kaufen konnte. „Wo bleibt der Kerl denn?“, brummte Tom. Ungeduldig rutschte er auf seinem Stuhl herum. Wahrscheinlich wurde es Zeit für seine nächste Dosis. Donnie verabscheute Menschen wie ihn. Für sie gab es nichts Wichtigeres als dieses Zeug. Ihr ganzes Leben bestand nur darin, an neue Drogen heranzukommen. Donnie hingegen konnte warten. Er konnte ruhig noch Stunden hier sitzen. „Vater hat noch zu tun“, antwortete Amanda, ohne von ihren Äpfeln aufzublicken. „Er kommt bestimmt gleich.“ Tom kratzte sich am Kopf. „Was hat er denn zu tun? Kann er sich nicht beeilen?“ „Er kommt gleich, keine Sorge.“ Tom rümpfte die Nase. „Sag mal“, fing er nach einer Weile wieder an, „machst du das eigentlich noch, Amanda?“ Ihre Schultern verkrampften sich. Einen Moment hielt sie inne. „Nein.“ „Ach komm schon! Mit ihm hast du‘s gemacht, richtig?“ Er wies auf Donnie und lachte. „Hast ihm richtig den Kopf verdreht, dem Jungen!“ „Sei still, Tom!“ Amanda schnippelte weiter. Tom grinste. „Musste er bezahlen?“ „Sei still!“ Donnie klammerte sich in seine Hose. Wenn dieser Drecksack nicht aufhörte, konnte er sich nicht mehr lange beherrschen. „Machst du es mit mir?“ Tom zwinkerte. Amanda drehte sich um, das Messer noch in der Hand. „Sei still, du Idiot!“ „Ach komm! Nur ein wenig die Wartezeit verkürzen – ich geb dir auch was!“ „Hör auf“, zischte Donnie. „Oder verpiss dich endlich!“ „Freundchen, du …“ „Lasst das“, rief Amanda. „Lasst das einfach. Vater kommt gleich.“ Schwungvoll warf sie die Apfelstückchen in einen Topf und stellte ihn auf den Ofen. „Ist ja klar, dass dir das nicht gefallen würde“, brummte Tom. „Aber du bist nur romantisch verklärt. Glaub mir, die würd‘s mit mir machen, wenn ich ihr genug biete.“ Donnie öffnete den Mund. Tom beachtete ihn nicht weiter. „Hast du Schnaps da?“ „Es ist noch nicht mal Mittag.“ Amandas Stimme nach zu urteilen, war sie zusehends genervt. „Ich hab nicht nach der Uhrzeit gefragt. Also, hast du was da?“ „Ja, aber nicht für dich.“ Tom biss sich auf die Lippen. Einen Moment schien er nachzudenken. Plötzlich sprang er auf. „Du kleine Schlampe, dir muss man mal eine Lektion erteilen!“ In zwei Schritten erreichte er sie und packte sie am Kragen. Amanda kreischte. Donnie fuhr hoch und packte ihn. „Lass sie los!“ Tom stieß ihn weg. Er schüttelte Amanda und drückte ihren Kopf nach unten. Ihr Kopf schwebte wenige Fingerbreit über dem heißen Ofen. „Hör auf!“ Donnie packte abermals seinen Arm und riss ihn von Amanda weg. Tom geriet ins Straucheln. Donnie grub seine Finger in Toms fettige Haare und rammte seinen Kopf gegen die Tischkante. Er brüllte auf. Mit blutiger Nase richtete er sich auf. „Du kleiner Scheißer!“ Er streckte die Hände nach Donnie aus. Ohne Nachzudenken, langte dieser nach dem Messer, mit dem Amanda die Äpfel geschnitten hatte. Tom lachte. „Damit kannst du nicht mal umgehen!“ Er holte aus, als wollte er Donnie ins Gesicht schlagen. Donnie duckte sich und stieß mit dem Messer zu. Die Klinge durchtrennte Haut und Fleisch. Tom röchelte. Seine Augen weiteten sich. Er fasste sich an den blutenden Hals. Seine Beine gaben nach. Rumpelnd fiel er zu Boden. Er hustete. Seine Glieder zuckten und erschlafften. Seine Augen verloren ihren Glanz. Donnie lächelte. Grimmige Zufriedenheit durchfloss ihn. Plötzlich kehrten seine Gedanken zurück. Der Mann bewegte sich nicht mehr. Unfassbar viel Blut floss aus seinem Hals und bildete eine Lache. Donnie ließ das Messer fallen. Klirrend traf es auf den Fliesen der Küche auf. Eisige Kälte kroch seinen Rücken hinauf. „Er … er muss ins Krankenhaus!“ Amanda berührte ihn an der Hand. Ausdruckslos sah sie zu Tom hinunter. „Zu spät, Donnie.“ „Aber …“ „Es ist zu spät! Siehst du es nicht? Er ist tot!“ Er fasste sich an den Kopf. Was hatte er getan? Was war nur in ihn gefahren? „Bei Eiwe, ich …“ „Schaff ihn hier raus, bevor Vater kommt.“ Amanda sah ihn erstaunlich gefasst in die Augen. „Na los, du willst doch keinen Ärger haben?“ „Was … soll ich denn jetzt machen?“ „Leg ihn auf die Bahnschienen hinterm Haus. In ein paar Minuten kommt ein Zug, dann ist die Sache erledigt. Keiner wird mehr nachfragen. Er war nur ein drogensüchtiger Penner, der Selbstmord begangen hat. Das passiert hier unten ständig. Na los!“ Donnie konnte sich nicht bewegen. Seine Füße schienen mit dem Boden festgewachsen zu sein. „Na los!“ Er löste sich aus der Erstarrung und bückte sich. Fast kam ihm sein Frühstück hoch, als er Toms Arme nahm und ihn zur Hintertür schleifte. Auf den Fliesen hinterließ der tote Mann eine Blutspur. Amanda öffnete ihm die Tür. Donnie sah sich um. Draußen konnte er niemanden sehen. Der Hinterhof des Hauses grenzte direkt an den Schienen. Nur ein kurzes Stück. Nur wenige Schritte. Ohne länger zu Zögern, zog Donnie den Körper über den Sand und wuchtete ihn quer auf die Schienen. Wieder sah er sich um. Einige Häuser weiter plärrte ein Kind. Im Nachbarshof flatterte Wäsche im Wind. Niemand zu sehen. Wie im Traum drehte er sich um und ging zurück ins Haus. Amanda putzte mit einem Feudel das Blut weg. „Setz dich.“ Sie wies auf den Stuhl am Küchentisch, auf dem er gerade gesessen hatte. „Ich muss gehen.“ „Nein, setz dich hin. Ich habe Vater gesagt, dass du hier bist. Es wird verdächtig sein, wenn du jetzt verschwindest.“ „Aber …“ „Nein, mach, was ich sage. Es wird alles gut. Nichts wird dir passieren, vertrau mir.“ Mit zitternden Knien setzte Donnie sich. Amanda stellte eine Schale mit Apfelmus vor ihn. Der Geruch breitete ihm Übelkeit. „Guten Appetit.“ Donnie nahm den Löffel in die Hand. Er konnte jetzt unmöglich essen. Amanda seufzte. Sie öffnete eine Schranktür und zog ein Glas sowie eine Flasche hervor. Sie füllte das Glas halbvoll. „Dann trink das.“ Donnie schüttete den Schnaps in einem Zug runter. Sein Rachen und seine Kehle brannten und ein leichter Schwindel ergriff ihn. Er starrte auf den Apfelmus und umklammerte den Löffel. Die Tür flog auf. Amandas Vater trat in die Küche und breitete die Arme aus, als er Donnie sah. „Ah mein Junge, tut mir leid, dass du warten musstest.“ Er sah sich um. „Amanda, hast du nicht gesagt, Tom wäre auch hier?“ Sie nickte. „War er auch, aber gerade vor einer Minute ist er wieder gegangen. Hat ihm wohl zu lang gedauert.“ Ihr Vater zuckte mit den Schultern. „Wie auch immer. Also Donnie, wie viel brauchst du?“ Donnie hörte ein fernes Rauschen und Donnern, das näherkam. Der Boden unter seinen Füßen bebte.