Ally
Der rote Markt, acht Jahre zuvor ...
Ally klammerte sich an die Hand ihres großen Bruders. Sie fühlte sich heiß und klebrig an und sie spürte, dass er zitterte. Dennoch reckte er die Brust und blickte mit erhobenem Kopf über das Gewimmel des roten Markts. „Keine Angst“, wisperte er. „Es wird alles gut.“ „Aber … was ist, wenn wir getrennt werden?“ Sie drängte sich enger an ihn. „Das wird nicht passieren, ich verspreche es dir.“ Er sah sie fest an. „Wir bleiben zusammen, egal, was kommt.“ Ally merkte seine Unsicherheit. Niemand konnte ihr etwas vormachen. Sonst war sie stolz auf diese Gabe, aber jetzt wünschte sie sich nichts sehnlicher, als ihm einfach zu glauben. Die eiskalte Kette an ihrem linken Handgelenk zog ihren Arm schwer hinunter. Ein frischer Wind fuhr durch ihr verknotetes Haar und ließ sie frösteln. Das zerlumpte Kleid, das sie trug, wärmte kaum. Überall standen Argols in Ketten auf Podesten wie diesem; viele von ihnen erst Kinder. Das ebenfalls ungefähr sieben- oder achtjährige Mädchen neben ihr weinte schon seit Stunden. Die Arme. Sie konnte sich an keinen großen Bruder klammern und war ganz allein. „Ich habe kräftige Jungen, gute Arbeiter, sehr brav, nur ein Zenn!“, schallte das Gebrüll der Verkäufer zu ihnen herüber. Oder: „Schöne Mädchen, gepflegt und gesund!“ Sie priesen sie an wie Waren. Vor den Ständen drängten sich Menschen, die gafften und feilschten. Manchmal, wenn einer der Sklaven nicht gehorsam war, nahmen die Händler eine Peitsche und schlugen auf ihn ein, bis er still am Boden lag. Ab und zu erhaschte Ally einen Blick auf Argols, die in Ketten hinter ihren neuen Herren herstolperten, die Gesichter versteinert und die Rücken gekrümmt. Vor ihrem Stand baute sich ein riesiger Mann auf. Er trug einen schwarzen, abgewetzten Ledermantel und einen zerknautschten Hut. Sein langer, grauer Bart reichte fast bis zu seinem Gürtel. Er musterte die Kinder auf dem Podest flüchtig, hob seine Hand und wies mit einem dicken Finger, an dem ein goldener Ring steckte, auf Ally. „Das Mädchen.“ Sie erstarrte, ihr Herz beschleunigte sich. Ihr Bruder packte sie fest und zog sie enger an sich. Der Händler eilte sofort herbei und zückte einen Schlüssel. Doch er zögerte und hüstelte. „Mein Herr, die Kleine ist sicher eine gute Wahl als Hausaltdienerin, aber für Eure Zwecke, nun ja, haltet Ihr den Jungen nicht für tauglicher?“ Er packte ihren Bruder an der Wange und schüttelte ihn leicht. „Er ist kräftig und zäh, ungefähr zwölf Jahre alt, der gibt sicher einen guten Kämpfer ab.“ Dieser drehte seinen Kopf weg. Ally klammerte sich so fest an ihn, wie sie konnte. Der bärtige Mann starrte immer noch auf sie. „Würde ich den Jungen wollen, hätte ich es gesagt. Nun mach sie schon los.“ Der Händler nickte schnell und grapschte Allys Hand. Sie versuchte, sich aus seiner Pranke zu befreien, doch mit ihren dünnen Ärmchen kam sie nicht gegen ihn an. Ihr Bruder zischte. „Lass meine Schwester in Ruhe!“ „Halt den Mund, Junge.“ Der Händler klatschte ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Ihr Bruder keuchte auf und taumelte. Ally biss sich auf die Lippen. Der Mann packte ihr Handgelenk und schloss die Kette auf. Grob nahm er sie am Oberarm und zerrte aus dem Griff ihres Bruders. Sie stolperte hinter ihm eine schmale Treppe hinunter und drehte sich um. „Dourrain!“ Er zog an seiner Handschelle und streckte einen Arm nach ihr aus, aber er erreichte sie nicht. „Hey“, rief er. „Lasst sie in Ruhe. Nehmt stattdessen mich, bitte!“ „Halt den Rand“, brüllte der Händler und zerrte Ally direkt vor den bärtigen Mann. Sie reichte ihm nur bis zum Bauchnabel und sah langsam zu ihm hinauf. Mit kalten Augen starrte er zu ihr hinunter. Er stank nach säuerlichem Schweiß und Leder und seine Aura fühlte sich ganz seltsam an; wie ein Eisblock, sie bewegte sich fast gar nicht und sie schien ein wenig grau eingefärbt. Der Mann griff Ally unter das Kinn und hob es weiter an. Es schmerzte in ihrem Nacken. Er drehte ihren Kopf hin und her und nahm eine ihrer schwarzen Locken in die Hand. „Ja, die ist gut. Genau das, was ich gesucht habe.“ Der Händler stand immer noch hinter ihr und räusperte sich. „Ich befürchte, sie wird in der Arena nicht lang durchhalten, so klein und zart, wie sie ist.“ „Mag sein. Aber sollte sie wider Erwarten Talent haben, wird sie beliebt sein. Die Leute lieben kleine Mädchen, die kämpfen können. Und sollte sie sterben, wird das ein gutes Schauspiel für das Publikum abgeben.“ Ally verstand die Worte des Mannes kaum. Nur undeutlich hörte sie ihren Bruder schreien und an der Kette zerren. „Lasst sie los, nehmt lieber mich, bitte!“ „Halt die Klappe, oder du wirst ausgepeitscht“, brüllte der Händler. Er lächelte schleimig. „Für drei Zenn gehört sie Euch.“ Der Bärtige verschränkte die Arme und musterte sie abermals. „Zwei Zenn. Damit ist sie gut bezahlt.“ „Zweieinhalb.“ „Zwei Zenn und zwei Gayon.“ Kurz zögerte der Händler und nickte. „In Ordnung.“ Der Bärtige wühlte in der Tasche und zog einige Münzen hervor. Er ließ sie in die offene Hand des Händlers fallen, der sie eilig nachzählte. „Viel Freude mit ihr.“ Wieder ein schleimiges Lächeln. Der Bärtige packte Ally am Handgelenk und zerrte sie hinter sich her. Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. „Nein, lass mich nicht allein! Bitte, lass mich nicht allein!“ Dourrain brüllte etwas, aber sie verstand ihn nicht und dann verschwanden sie im Gedränge des Marktes.