Neue Freunde
Acht Jahre zuvor ...
„Geht endlich weg!“ Kralle warf die Glasflasche durchs Fenster. Die Zwillinge sprangen zu beiden Seiten. Klirrend zerschellte die Flasche auf dem Boden. Ein Moment Stille. Das Mädchen und der Junge starrten bewegungslos auf die Scherben zwischen ihnen. Kralle klammerte sich in den kalten Metallrahmen seines Kellerfensters und bemühte sich um einen ruhigen Atem. Sein Herz klopfte immer noch wie wild. „Habt ihr nicht gehört? Ihr sollt endlich von hier verschwinden!“ Die beiden rührten sich nicht. Er drehte sich um. Doch in seinem dunklen Kellerraum entdeckte er nichts, das als weiteres Wurfgeschoss dienen konnte. Mit zusammengepressten Lippen betrachtete er die Zwillinge vor seinem Fenster. Sie schienen in seinem Alter; zehn oder elf. Er hatte nie zuvor Argols mit solchen hellen Haaren gesehen. Die Locken des Mädchens fielen über ihren ganzen Rücken, aber sie waren verknotet, stumpf und dreckig. Genau wie ihr Gesicht; nur wage erkannte man unter der dunklen Dreckschicht ihre helle Haut und die Sommersprossen. Diverse Flicken hielten ihr Kleid zusammen, dennoch strotzte der Stoff vor Löchern und Rissen. Ihr Bruder machte keinen besseren Eindruck. Eines seiner Hosenbeine war über dem Knie abgerissen und er trug keine Schuhe. Eine verschorfte Wunde prangte an seiner Lippe. Die beiden schienen noch nicht lange in der Unterstadt zu leben und kamen offenbar mit den Gepflogenheiten nicht klar. Aber was kümmerte ihn das? „Lasst mich einfach in Ruhe!“ „Tut uns leid, die Sache auf dem Markt“, rief der Junge. „Ja, wir wollten echt nicht die Stadtwache auf dich hetzen“, fügte das Mädchen mit großen Augen hinzu. „Wir dachten nur, na ja, der Kuchen sah so lecker aus, wir konnten einfach nicht widerstehen. Konnten wir ja nicht ahnen, dass du auch da warst.“ Über ihren Mund zuckte ein kurzes, fast schelmisches Lächeln. „Ihr sollt aufhören, mir zu folgen“, zischte Kralle. „Aber du hast keine Bande“, entgegnete der Junge und trat einen Schritt näher auf das Fenster zu. „Die Leute nennen dich den König der Straßen und angeblich bist du der beste Dieb der Stadt, aber du hast keine Bande, dabei ist es gefährlich, so ganz allein. Was machst du, wenn jemand dein Versteck findet und dich überfällt? Wir wollen doch nur deine Freunde sein.“ „Ich brauche keine Freunde.“ Kralle presste die Lippen zusammen. „Ich komme gut allein klar.“ „Ach ja?“, rief das Mädchen. „Ohne uns wärst du jetzt im Gefängnis. Wir haben dich da raus geholt, schon vergessen?“ „Ohne euch wäre ich niemals erwischt worden!“ „Na ja, aber trotzdem“, entgegnete das Mädchen, „du kannst nicht die ganze Zeit allein bleiben. Wir haben dein Versteck gefunden, also werden es auch andere finden. Bestimmt verpfeift dich mal jemand, dann bist du dran.“ „Geht euch gar nichts an“, entgegnete Kralle, doch was sie sagte, traf einen Nerv. Bis vor kurzem hatte er nicht allein gelebt. Aber jetzt gab es nur noch ihn. Er sah sich in seinem kläglichen Heim um. Es stank nach Schimmel und Moder, ständig pfiff der Wind durch die kaputte Scheibe und nachts hörte er das Geraschel von Ratten, die ihm seine Essensvorräte stehlen wollten. „Komm schon Kralle, wir wollen nur mal mit dir reden“, sagte der Junge. „Lass uns rein.“ „Ihr wollt nur einen Unterschlupf. Sucht euch selbst was oder schlaft halt weiter auf der Straße.“ „Der ist aber auch stur“, brummte das Mädchen. „Bei Foedynac, was ist los mit dir? Willst du dich dein ganzes Leben hier verkriechen? Ganz allein? Im Ernst, dann gibt es dich bald nicht mehr. Ich hab gehört, dass es der Anführer der Stadtwache persönlich auf dich abgesehen hat. Ja, das habe ich gehört. Und du hast es sicher auch schon gehört, nicht wahr? Sieh es ein. Du brauchst eine Bande. Jeder braucht die. Das ist oberstes Gesetz in der Unterstadt, entweder, man hält zusammen, oder man stirbt.“ Kralle schnaubte. „Erzähl du mir nichts von Gesetzen der Unterstadt. Ihr seid doch noch gar nicht lange hier.“ „Na und? Wir sind lang genug hier, um das zu wissen.“ Sie kniete sich vor das Keller-fenster und sah ihm lächelnd in die Augen. Mit ihren schlitzartigen Pupillen und dem spitzen Kinn sah sie aus wie eine Katze. Kralle wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm weg. „Siehst du?“ Das Mädchen grinste breiter. „Ich kann spüren, dass du uns eigentlich gar nicht wegschicken willst. Na komm schon. Lass uns rein. Bitte.“ Kralle biss sich auf die Zunge und verschränkte die Arme. „Verdammt noch mal, dann kommt halt rein.“ Sofort sprang das Mädchen auf und packte ihren Bruder am Arm. „Na endlich!“ Sie huschte zu der kleinen Tür neben dem Fenster. Kralle wich zurück und lehnte sich gegen die feuchte Wand. Nacheinander traten die Zwillinge ein und sahen sich um. Auf dem Boden lag eine alte Matratze mit einer zerrissenen Wolldecke, die in kalten Nächten kaum Wärme spendete, daneben stand ein Stapel mit Konserven, oben drauf, wo die Ratten nicht hinkamen – zumindest hoffte er das, lagerte Kralle einen halben Laib frisches Brot. Neben der Kleidung, die er am Körper trug, besaß er nur ein weiteres Hemd und eine Hose, er nutzte beides zusammengeknüllt als Kopfkissen. Ein trostloser Anblick. Der Junge rümpfte die Nase. „Es stinkt hier ja noch mehr, als ich befürchtet habe.“ „Ihr könnt ja wieder gehen“, brummte Kralle. „Nein, nein“, rief das Mädchen eilig. „Ist doch gut. Ist … na ja, besser als gar nichts. Man wird immerhin nicht nass, wenn es regnet.“ Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Nach kurzem Zögern tat es ihr Bruder gleich. Auffordernd klopfte das Mädchen neben sich. „Setz dich doch auch, oder willst du die ganze Zeit stehen?“ Langsam kam Kralle dieser Aufforderung nach. Die Kälte des feuchten Betons kroch durch seine Hose. „Wir haben gehört, dass man hier seinen echten Namen nur den Leuten verraten darf, denen man vertraut, alles andere bringt Unglück“, wisperte der Junge mit gesenkter Stimme. „Aber dir würden wir unseren echten Namen verraten, weil wir dir vertrauen.“ Kralle zuckte zusammen. „Nein. Nein, lasst das.“ Schon oft hatte er erlebt, dass Kinder ihren echten Namen verwendeten, und viel zu oft waren genau diese Kinder geschnappt worden. „Keine echten Namen, verstanden?“ Die Zwillinge rissen die Augen auf und nickten eilig. „Na gut, dann …“, fuhr der Junge fort, „dann unsere neuen Namen. Ich bin Sand, wegen der Farbe meiner Haare.“ Er nahm eine verfilzte Strähne in die Hand. „Und weil wir beide von der Küste kommen. Und meine Schwester heißt Muschel, weil sie Muscheln liebt.“ Breit grinsend schob das Mädchen den Kragen ihres Kleids herunter und offenbarte eine Kette mit drei aufgefädelten, rötlichen Muschelschalen. Sie waren größer als die, die Kralle von dem Fluss in der Nähe seines Heimatdorfes kannte. „Und was ist mit deinem Namen?“, fragte Sand. „Warum heißt du Kralle?“ Kralle zögerte, aber langsam führte er eine Hand an den Kragen. Er zog ebenfalls eine Kette hervor. Daran hing eine Bärenkralle. Jedes Mal, wenn er über die glatte Oberfläche strich, überkam ihm die große Traurigkeit, die er sonst nur kurz vorm Einschlafen spürte. Schnell zog er seine Hand weg und blinzelte die Nässe in den Augen weg. Muschel lächelte. „Die ist wunderschön. Woher hast du sie?“ „Von … meinem Vater.“ „Was ist mit deinem Vater?“ Kralle schwieg. „Oh je.“ Muschel warf einen kurzen Blick zu ihrem Bruder, auch ihre Augen glänzten auf einmal. „Anscheinend … ist mit seinem Vater das Gleiche passiert wie mit unserer Familie.“ In der eintretenden Stille hörte man nur durch das undichte Fenster Säuglingsgeschrei und laute Stimmen aus einem der vielen Häuserblocks. Muschel klatschte in die Hände und lächelte, aber Kralle kaufte es ihr nicht ab. „Das wird toll“, rief sie. „Wir gründen die berüchtigste Bande der ganzen Unterstadt!“ Kralle überkam das Gefühl, dass ihm kaum eine andere Wahl blieb.